Pseudarthrose und
Fehlheilung des Schlüsselbeins
Nach einem Schlüsselbeinbruch kann der Knochen in Fehlstellung zusammenwachsen (Fehlheilung) oder die knöcherne Durchbauung ausbleiben (Pseudarthrose). Nicht jeder Befund muss operiert werden.


Cal vicieux : consolidation osseuse avec déformation.
Pseudarthrose : absence de consolidation durable avec un foyer potentiellement mobile.
Gestörte Knochenheilung verstehen
Das Schlüsselbein verbindet Schultergürtel und Brustkorb. Nach einer verschobenen Fraktur kann eine Verkürzung, Achsabweichung oder knöcherne Vorwölbung zurückbleiben. Bei der Pseudarthrose entsteht hingegen keine feste knöcherne Verbindung. Bei deutlich dislozierten Schaftfrakturen Erwachsener wird heute häufiger eine Plattenosteosynthese erwogen, da sie das Pseudarthroserisiko verringern kann. Eine Operation ist dennoch nicht bei jeder Fraktur notwendig.
Fehlheilung: wann die Vorwölbung stört
Nach konservativer Behandlung einer verschobenen Fraktur kann ein sichtbarer Knochenkallus zurückbleiben. Ohne Schmerzen oder relevante Funktionsstörung wird diese Folge meist akzeptiert. Beschwerden können durch Druck auf eine knöcherne Spitze, Reibung an Weichteilen, Rucksackträgern, Heben oder sportliche Belastung entstehen. Auch eine ästhetische Beeinträchtigung, etwa bei ausgeschnittenen Kleidungsstücken, kann Anlass zur Beratung sein.

Korrekturosteotomie
Bei anhaltenden, klar zuordenbaren Beschwerden kann der fehlverheilte Knochen mit einer oszillierenden Säge gezielt durchtrennt, modelliert und anatomisch ausgerichtet werden. Narbengewebe wird vorsichtig gelöst. Die oberflächlichen supraklavikulären Hautnerven sowie der tief gelegene Plexus brachialis und die subklavikulären Gefäße müssen geschützt werden. Anschließend erfolgt eine stabile Plattenosteosynthese; bei Knochendefekten kann eine Transplantation erforderlich sein.


Pseudarthrose: wenn die Fraktur beweglich bleibt
Zwischen den Knochenenden kann Fasergewebe statt eines stabilen Knochenstegs entstehen. Der bewegliche Frakturspalt verursacht häufig Druckschmerz, Instabilitätsgefühl, Kraftverlust oder Ermüdbarkeit. Zu den Risikofaktoren zählen insbesondere Rauchen, starke Dislokation, Mehrfragmentfrakturen, offene Frakturen und unzureichende Stabilität. Unterschieden werden hypertrophe, hypotrophe und atrophe sowie infizierte (septische) Pseudarthrosen.

Diagnostik
Die Untersuchung erfasst lokalen Druckschmerz, abnorme Beweglichkeit, Hautveränderungen und neurovaskuläre Symptome. Zunächst werden Röntgenaufnahmen angefertigt. Bei unklarer knöcherner Heilung kann eine CT-Untersuchung etwa zwischen dem dritten und sechsten Monat hilfreich sein. Eine verzögerte Heilung nach drei Monaten ist nicht automatisch eine gesicherte Pseudarthrose. Bei Infektionsverdacht sind weiterführende Untersuchungen nötig.
Ist eine Behandlung ohne Operation möglich?
Bei geringen Beschwerden und fortschreitender Heilung können Verlaufskontrollen sinnvoll sein. Eine ausreichende Ernährung und die Korrektur nachgewiesener Mangelzustände, etwa eines Vitamin-D-Mangels, sind wichtig. Entscheidend ist der vollständige Rauchstopp. Für eine Stoßwellentherapie bei Schlüsselbein-Pseudarthrose ist die Evidenz begrenzt; sie ersetzt keine erforderliche operative Stabilisierung.
Lange Platte und Beckenkammtransplantat
Bei schmerzhafter, gesicherter Pseudarthrose werden häufig fibröses Gewebe entfernt, die Knochenenden angefrischt und mit einer langen Platte stabilisiert. Bei relevantem Defekt kann ein körpereigener kortikospongiöser Knochenblock vom vorderen Beckenkamm eingesetzt werden. Eine Platte mit neun oder zehn Löchern und zentraler überbrückter Zone ohne Schrauben ist eine mögliche, individuell anzupassende Konstruktion. Die Entnahmestelle am Becken kann schmerzen.


Nachbehandlung
Eine schützende Ruhigstellung mit Armschlinge oder Dujarier-Verband erfolgt je nach Befund für etwa drei Wochen. Finger, Handgelenk und Ellenbogen werden früh bewegt; vorsichtige Schultermobilisation und Physiotherapie beginnen häufig ab der dritten Woche, abhängig von der Stabilität. Die Schmerzbehandlung wird angepasst. Regelmäßige klinische und radiologische Kontrollen sind erforderlich; ein CT nach etwa drei Monaten ist bei komplexen Rekonstruktionen im Einzelfall hilfreich. Sportarten mit Sturzrisiko erst nach bestätigter Heilung.
Risiken und Warnzeichen
Mögliche Komplikationen sind Infektion, Wundheilungsstörung, Sensibilitätsstörung, störendes Osteosynthesematerial, Implantatversagen oder ausbleibende knöcherne Heilung. Eine Verletzung des Plexus brachialis oder der großen subklavikulären Gefäße ist selten, aber schwerwiegend. Die Beckenkammentnahme kann Schmerzen und Hämatome verursachen. Bei kalter oder tauber Hand, Luftnot, Fieber oder Wundsekretion ist eine rasche ärztliche Abklärung nötig.
Häufige Fragen
Muss jede knöcherne Vorwölbung operiert werden? Nein, bei guter Verträglichkeit nicht. Ist immer ein CT nötig? Nein, insbesondere bei unklaren Röntgenbefunden oder OP-Planung. Ist eine Knochentransplantation immer erforderlich? Nein, dies hängt von Defekt und Knochenbiologie ab. Ist Rauchen problematisch? Ja, vollständiger Rauchstopp ist entscheidend. Wann ist Sport möglich? Nach gesicherter Heilung und schrittweiser Freigabe.
Wissenschaftliche Quellen
AAOS, Clinical Practice Guideline: Treatment of Clavicle Fractures (2022). Wright und Della Rocca, JAAOS (2023). Complications and Outcomes After Surgical Intervention in Clavicular Nonunion, JBJS Reviews (2023).